Kinderreime im Kindesalter

Ene mene miste, der Fischer Fritze. Oder wie war der Kinderreim noch?

Kinderreime und Sprachspiele sind ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung und können positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Entwicklung deines Kindes haben. Welche Reime es gibt und in welche Kategorien sie eingeteilt werden, erfährst du im ersten Teil.

Reime waren vor nicht allzu langer Zeit ein gebräuchliches Kulturgut, welches sowohl im Privaten, als auch in Einrichtungen fest in den Alltag integriert wurde. Handlungsbegleitende Sprachspiele, beim Wickeln, beim Spielen oder vor dem Schlafengehen, waren selbstverständlich. Dieses Kulturgut verlor im Laufe der letzten Jahre immer weiter an Bedeutung und findet heute nur noch selten Gebrauch.

Eine kurze Definition

Ein Reim ist eine Verbindung von Worten mit ähnlichem Klang, im engeren Sinne der Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute. Sie werden rhythmisch gesprochen.

Kinderreime

Angeleitet, reproduziert und improvisiert. Verschiedene Arten von Kinderreimen

Kinderreime können in drei Kategorien eingeteilt werden.

Spontane Reime sind oft während Spielsituationen zu beobachten und werden von keinem Erwachsenen instruiert oder begleitet. Der inhaltliche Bezug muss nicht zwangsweise auf die vorhandene Situation bezogen sein, sondern kann ein völlig anderes Thema beinhalten. Auch sind diese Reime nicht an eine soziale Situation gebunden, sondern werden auch während des Spielens ohne Spielpartner gebildet.

Angeleitete Reime werden von Erwachsenen vorgesprochen, zum Beispiel als Vers oder Fingerspiel. Sie sind meist situationsorientiert oder handlungsbegleitend. Angeleitete Reime werden von Kindern in Spielsituationen nur sehr selten reproduziert, sondern häufiger auf eigenes und selbst erfundenes Reimgut zurückgegriffen.

Reproduzierte und improvisierte Reime sind angeleitete Reime, welche von Kindern in veränderter Form wiedergegeben werden. Diese werden meist auf das vorhandene Sprachniveau, oder inhaltlich an die aktuellen Gedanken des Kindes angepasst, erweitert oder gekürzt. Der Ursprung liegt meist in sozialen Situationen, also während dem Spiel mit mehreren Kindern.

Rhythmus schon im Mutterleib?

Im ersten Teil haben wir bereits beschrieben, was ein Reim ist und welche unterschiedlichen Formen es gibt. In Teil zwei erfährst du, wie Kinder das Reimen lernen und welchen wichtigen Stellenwert Reime und rhythmische Wortspiele haben.

Entwicklungsverlauf. Von Lalllauten zu Fäkalreimen

Ähnlich wie bei der regulären Sprachentwicklung, ist auch der Entwicklungsverlauf bezüglich Reimfähig und –Reimfertigkeiten nicht fix, sondern kann von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Zudem steht die Sprachentwicklung in Beziehung mit vielen anderen Bereichen, wie zum Beispiel der emotionalen, kognitiven oder motorischen Entwicklung.

Erste Erfahrungen im Mutterleib

Bereits im pränatalen Stadium, also noch vor der Geburts ist das Kind mehreren rhythmischen Reizen ausgesetzt, wie zum Beispiel dem Herzschlag der Mutter. Bereits zwischen der siebten und neunten Woche ist das Kind weit genug in der Entwicklung fortgeschritten, um erste sensorische Erfahrungen zu sammeln, beschränkt auf die Kopfregion. Gegen Ende des dritten Monats ist der fast komplette Körper reizempfindlich.

Mitte des vierten Monats sind die Sinnesorgane im Ohr soweit fortgebildet, dass innerkörperliche akustische Reize wahrgenommen werden können. Erste Reaktionen auf externe akustische Reize sind mit etwa sechs Monaten nachweisbar.

Ob die erlebten Reize neurologisch gespeichert werden ist unklar, jedoch ist eine Art körpereigenes Gedächtnis durch verschiedene Tests nachweisbar.

Zusammenfassend kommt man zu dem Entschluss, dass das Kind bereits im Mutterleib mit rhythmischen Reizen in Berührung kommt, was in ferner Hinsicht die Grundlage für Reime – also rhythmisch gesprochene Wortabfolgen – darstellt.

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Kontinuität und Rhythmus verleihen Sicherheit und Schutz

Nachdem das Kind den Mutterleib verlassen hat, ist es zunächst fern von den bekannten rhythmischen Reizen. Die Kontinuität, welche Sicherheit und Schutz vermitteln, ist zunächst verloren. Um diese wieder herzustellen, sind die akustische und soziale Zuwendung der Mutter von hoher Priorität.

Den ersten Rhythmus, den das Kind mit der vertrauten Klangwelt in Verbindung bringt, ist das Saugen an der mütterlichen Brust. Weitere rhythmische Erfahrung, die das Kind unmittelbar nach der Geburt erlebt, sind die Rhythmen beim Wiegen, Schaukeln oder Tragen. Auch der Herzschlag der Mutter, beim Tragen oder Kuscheln, hat eine beruhigende Wirkung auf das Kind.

Neugeborene reagieren bereits auf rhythmische, beziehungsweise unrhythmische Reizmuster, woraus sich schließen lässt, dass diese bereits unterschieden werden können.

Interessant ist, dass Eltern – instinktiv und spontan – einen spielerischen Umgang mit ihrem Säugling zeigen. Dieses Verhalten wird in der Forschung als „Baby-Talk“ oder „Ammensprache“ bezeichnet. Neben sprachbegleiteten und rhythmisch strukturierten Spielchen, ist die häufig musikalische und reimartige Sprache der Mutter wahrzunehmen.

Sitzendes Kind

Bewegungsabläufe werden rhythmisch

Im motorischen Verlauf der Entwicklung ist zu beobachten, dass das Kind anfangs noch arhythmische Körperbewegungen mit seinen Gliedmaßen ausführt. Je mehr das Kind lernt, desto rhythmischer werden seine Bewegungen. Anfangs noch nonverbal, setzen bald eine verbale Begleitung in Form von einzelnen Silben, später lallartige Lautäußerungen, ein, welche ebenfalls erst im Laufe der Zeit rhythmisch werden.

Anfangs mit seinem Körper, später auch mit verschiedenen Gegenständen, welche akustische Reize entfalten, entwickelt das Kind seinen eigenen Grundschlag, welcher von großer Bedeutung ist und als Grundmetrum und Motorenkraft des eigenen Körpers definiert wird. Dies ist sowohl für das Krabbeln, als auch für das später folgende Laufen enorm wichtig.

Sinnlos anmutende Lautreihen und Interesse an musikbezogenen Handlungen

Zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr sind meist sinnlos anmutende Lautreihen zu beobachten. Ebenso steigt das Interesse an musikbezogenen Abhandlungen, “Vor sich hin trällern”, das Wiederholen von Lautmustern und das eigenständige Erzählen von Geschichten, bezogen auf rhythmisch-klangliche Aussprache.

Meist sind diese Geschichten an keinen direkten Zuhörer gerichtet, sondern passieren handlungsbegleitend. Neben dem Reproduzieren von erlernten Reimen, geht es Kindern meist primär um das Improvisieren, also beispielsweise das Umdichten eines Liedtextes. Sowohl bekannte Wörter, also auch Silbenreihen werden hierfür verwendet. Der Rhythmus wird an den eigenen organischen Rhythmus angepasst und von der Melodie und der Wortlänge beeinflusst.

Richtige Wortschöpfungen spielen dabei eine untergeordnete Rolle, vielmehr kommt es darauf an, eine allgemeine Klangähnlichkeit zu finden. Im Laufe der Entwicklung lässt sich trotzdem das Streben nach möglichen Sinnzusammenhängen beobachten, also das Bestreben, Satzverse nun auch sinnhaft miteinander zu verknüpfen.

Ganz schön frech, oder?

Mit dem fünften und sechsten Lebensjahr bestehen kaum noch Hemmungen und die Lust zu reimen wird vollkommen ausgekostet. Fäkalwörter, Beschimpfungen und Namensneckereien finden großen Anklang, nicht zuletzt durch die polarisierenden Reaktionen der Erwachsenen. Die Fertigkeiten sind so weit entwickelt, dass neben einzelnen Wörter, auch vollständige, sinnhafte Sätze erstellt werden können, situationsbezogen oder nicht.

Sollten die Neckereien überhand nehmen, bitte dein Kind zu einem Gespräch und weise es darauf hin, dass solche Reime oder Beschimpfungen für andere Menschen verletzend sein können und nicht immer als als Spaß verstanden werden.

Welche Auswirkungen haben Kinderreime?

Im letzten Teil gehen wir auf die positiven Auswirkungen von Kinderreimen auf dein Kind ein.

Kinderreime als Ausdrucksmöglichkeit

Kinderreime können Spiel, Wirklichkeitsbewältigung, intelektuelle Übung, Angriff, Verteidigung, Flucht, Ventil, Reproduktion oder Kreativität sein.

Um konkrete Wirkungen und Bedeutungen zu erforschen, müsste zwischen Herkunft, formalen und inhaltlichen Kriterien, Gattungsbereichen und Vermittlung differenziert werden, also sozusagen von Vers zu Vers. Natürlich muss auch das reimende Kind beachtet werden. Dies bedeutet, dass der Sinn und die Wirkung je nach Situation variieret.

Sicher ist aber, dass Kinderlieder und Reime ein bedeutsames Medium zur Enkulturation und Sozialisation sind. Ebenfalls können Reime als auditives, sprachtechnisches, motorisches, kognitives und spezifisch musikalisches Lernmaterial betrachtet werden. Reime und Lieder besitzen einen hohen sozialen Faktor, werden also nicht selten  mit mehreren Kindern gesprochen oder sogar gemeinsam entwickelt. Kinder erleben so ein Gefühl der Gemeinsamkeit, der Sympathie und der gegenseitigen Identifikation, gleichgültig sozialer Herkunft, persönlichen Eigenheiten und Fertigkeiten.

Durchaus kann bei Reimen, Kinderliedern und Versen von einem motorischen und auditiven Lernmaterial gesprochen werden. Es hilft also bei der Einübung der Sprachorgane und des Gehörsinns. Das Kind genießt in seinen Reimen die Lustbetontheit der Wiederholungen und des Rhythmus. Durch die Wiederholungen findet dein Kind Bekanntes vor und dass sich nichts Unangenehmes dahinter verbirgt.

Kinderreime

Kinderreime und Sprachspiele wirken sich auf viele Bereiche aus

Wohlbefinden

Elemente von Reimen und Sprachspielen, wie zum Beispiel Tempo, Rhythmus und Tonart beeinflussen Herzschlagfrequenz, Blutdruck, Atmung, Puls und Hormonausschüttung, kann also bedingt zum Wohlbefinden, Entspannung, Aufmunterung und emotionaler Stärke beitragen.

Ausdruck, Fantasie und Kreativität

Reime sind ein ideales Medium für Kinder um sich mitzuteilen, Gefühle zu äußern, aber auch emotionale Belastungen abzureagieren. Durch Reime wird die Fantasie und Kreativität angeregt, wobei Verbindungen zu anderen Ausdrucksformen, wie dem bildnerischen, tänzerischen oder szenischem Gestalten, entstehen. Es bietet dir auch die Möglichkeit herauszufinden, welche Interessen und Gedanken dein Kind hat um diese gegebenenfalls aufzugreifen und darüber zu sprechen.

Soziale Kompetenz

Gemeinsames Reimen stärkt die Kontakt- und Teamfähigkeit und die Bereitschaft, soziale Mitverantwortung zu übernehmen, da das Reimen meist in einer sozialen Situation geschieht. Anderen zuhören, aufeinander reagieren, Erfahrungen teilen und mit anderen Menschen interagieren sind in solchen Situationen unerlässlich.

Körperbewusstsein und motorische Kompetenz

Reimen regt zum Bewegen an. Die meisten Kinderreime werden durch Bewegungen unterstützt, wodurch das Körperbewusstsein bewusst gefördert wird. Wahrnehmung, Differenzierung, Koordination und Synchronisation der Bewegungen sind wichtige Voraussetzungen und werden durch das Reimen angeregt.

Spaß und Beziehungsaufbau

Zuletzt macht das gemeinsame Reimen und Spielen einfach Spaß und trägt zu einer positiven, gesunden und intensiven Beziehung zwischen dir und deinem Kind bei.

Bildquelle Titelbild: Anna Grigorjeva|Shutterstock.com

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