Vielen Eltern stellt sich die Frage - Wie erleben Kinder den Tod

Der Tod gehört zum Leben

Sterben, Trennungen und Verlust gehören zum Alltag und jeder Mensch wird früher oder später damit konfrontiert. Eine geliebte Person verstirbt, Paare trennen sich oder der beste Freund zieht in eine andere Stadt. Diese Erfahrungen machen auch Kinder. Und trotzdem ist Tod und Trauer ein Thema in unserer Gesellschaft, über das nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Und oft stellt sich die Frage – Wie erleben Kinder den Tod?

Wie Kinder den Tod erleben

Werfen wir einen Blick auf die heutige Zeit. Vieles beeinflusst die Sichtweise und die Werte, die Kinder im Laufe der Zeit entwickeln. Kinder kommen bereits früh mit dem Tod in Berührung, nicht unbedingt mit Todesfällen innerhalb der Familie, sondern in den Medien. Wie erleben Kinder den Tod? Und wie beeinflussen verschiedene Faktoren das Erleben?

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Der Tod im Fernseher…

Der Tod ist in den Nachrichten, in Serien, Kinofilmen und sogar in Zeichentrickfilmen präsent. Natürlich wird das Sterben dort nicht explizit dargestellt. Wenn der Superheld den Bösewicht mit einem Schuss aus der Superlaserkanone besiegt, sieht man keinen Todeskampf. Stattdessen verschwindet der Bösewicht hinter einer Rauchwolke und der Sieg wird gefeiert. Hier wird der Tod also realitätsfern dargestellt, so dass für viele Kinder der Tod ganz unbemerkt zum Highlight einer Kindersendung wird.

Ähnlich verhält es sich mit der aktuellen Situation in den Abendnachrichten. Oft wird über Krieg und Tod berichtet. In unserem Artikel Mit Kindern über Krieg sprechen geben wir wertvolle Tipps, wie du dich mit deinem Kind darüber unterhalten kannst.

…und in interaktiven Medien

Neben Filmen und Serien stehen Videospiele bei den Kindern und Jugendlichen hoch im Kurs. Vor allem Ego Shooter sind beliebt und haben eine riesige Spielerbasis. Auch Spiele, die eine Altersfreigabe ab 16 oder 18 Jahren haben, sind lägst auf dem heimischen Computer oder dem Smartphone angekommen. Call of Duty, GTA und andere Shooter sind problemlos über das Internet zu beziehen und zeigen den Tod und Gewalt auf interaktiver Ebene. Spiele mit expliziter Gewaltdarstellung gehören nicht in Kinderhände und können das Empfinden durchaus abstumpfen.

Du bist auf der Suche nach einem kindgerechten Computerspiel? Schau dir unseren Artikel Ist Minecraft pädagogisch wertvoll? an.

Oma lebt im Altersheim

In Deutschland ist die Familienform der Großfamilie nur noch selten anzutreffen. Dabei definiert sich das Wort Großfamilie nicht an der Anzahl der Kinder, sondern an der Anzahl der Generationen, die unter einen Dach leben. Ab drei Generationen spricht man von einer Großfamilie. Oft leben die Großeltern weiter entfernt oder in Altersheimen. Die Pflege wird meist von externem Fachpersonal übernommen. Somit fehlt es Kindern oftmals an praktischen Erfahrungen mit der älteren Generation, sie erleben den Alterungsprozess nur unzureichend und weit entfernt.

Und ist der Zeitpunkt gekommen, an dem der Tod bevor steht, sterben viele Menschen alleine und ohne familiären Beistand. Oft wird der Sterbeprozess den Ärzten überlassen, Angehörige nehmen erst dann Abschied, wenn das Familienmitglied bereits verstorben ist. So beängstigend und verletzend es ist, einen geliebten Menschen sterben zu sehen, so ist es doch ein wichtiger Bestandteil um Kindern den Tod begreifbar zu machen.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz

Oftmals wird der Tod gar nicht erlebt, sondern verdrängt und davon abgelenkt. Jeder dürfte diesen Satz kennen, mit welchem Kinder auf relativ simple Art und Weise nach einer psychischen oder physischen Verletzung beruhigt werden. Durch Sätze wie diesen sollen Kinder möglichst schnell von dem Schmerz und der Trauer abgelenkt werden, sie sollen stark sein. Vor allem Jungs stehen oft unter Druck das Klischee des starken Mannes zu erfüllen. Dabei wird oft vergessen, dass es wichtig ist über Gefühle zu sprechen, Trauer zuzulassen und nicht zu vergessen oder zu verdrängen, sondern sich damit auseinander zu setzen und das Erlebte zu verarbeiten.

So erleben Kinder den Tod aus entwicklungspsychologischer Sicht

Wie erleben Kinder den Tod aus entwicklungspsychologischer Sicht

Aufgrund der Grundannahmen von Jean Piaget, einem Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie, erarbeitet sich das Kind im Heranwachsen stufenweise die vier Dimensionen des Todesbegriffes.

  • Nonfunktionalität: Bedeutet, dass der Körper im völligen Stillstand ruht und keine Körperfunktionen mehr aufweist.
  • Irreversibilität: Der Tod ist endgültig und nicht mehr rückgängig zu machen
  • Universalität: Alle organischen Wesen müssen einmal sterben und werden früher oder später mit dem Tod konfrontiert
  • Kausalität: Die Ursachen des Todes sind biologischer Natur

Die Vorstellung von Kindern entwickeln sich durch viele Einflüsse und Erfahrungen, Deshalb sind die meisten Ansichten durchaus verschieden und überschneiden sich nur in wenigen Punkten. Neben den Erfahrungen beeinflusst aber auch das Alter die Sichtweise.

Die Vorstellung vom Tod kurz nach der Geburt

Den ersten Verlust erlebt ein Neugeborenes gleich nach der Geburt, nämlich bei der Entbindung. Das Kind verlässt sein gewohntes Umfeld in dem es neun Monate herangewachsen ist und sich sicher und wohl gefühlt hat. Die Welt außerhalb des Mutterleibes ist fremd und komplett neu für das Kind. Es macht also die erste Verlusterfahrung.

Bis zum 12. Lebensmonat

Trotz des jungen Alters nehmen bereits Säuglinge den Tod und Verlust eines bekannten Menschen wahr und reagieren darauf. Sie erkennen zwar weniger einen Zusammenhang oder Einzelheiten, sie erleben aber die veränderte Situation. Etwas ist nicht mehr so, wie es mal war. Das, was unter Umständen Sicherheit und Wohlbefinden gegeben hat, ist auf einmal weg. Selbst wenn der Verlust nicht direkt eine enge Bezugsperson betrifft, so fühlen Kinder die Trauer und Gefühle ihrer Mitmenschen.

Eine Unterscheidung zwischen vorübergehender Trennung und dem Tod ist in diesem jungen Alter noch nicht möglich. Deshalb wirken Verlustsituationen verunsichernd, was sich in Weinen, Schreien, Klammern, Schlaflosigkeit und vielen weiteren Symptomen äußern kann. Es ist schon in dieser Entwicklungsphase wichtig, angemessen auf das Kind einzugehen und es einfühlsam zu trösten um ihm ein Stück Sicherheit wieder zu geben. Traumatische Erlebnisse können prägend sein und sich nachhaltig auswirkt. Manche Kinder können derart trauern, dass es in gravierenden Fällen bis zum Tod führen kann.

Deshalb ist es besonders wichtig das sogenannte Urvertrauen oder Grundvertrauen zu fördern. Eine positive Erfahrung einer sicheren und liebevolle Bindung beeinflusst nachhaltig das Erleben und die positive Verarbeitung von Trennung und Verlust.

Bis zum 24. Monat

Bis zum zwölften Monat lernen Kinder den Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem. Sie erkennen, dass die Kuscheltiere nicht mit ihnen sprechen, jedoch Mama und Papa mit ihnen kommunizieren. Die sprachlichen Fähigkeiten, die sich in den ersten 18. Lebensmonaten bilden, helfen bei dieser Erkenntnis. Gegenstände, die dem Kind beim Ansprechen keine Resonanz geben, werden als leblos erkannt. Menschen, Tiere oder Gegenstände die sich bewegen oder Geräusche machen, werden hingegen als lebendig angesehen. Das Interesse an sich bewegenden oder geräuschgebenden Gegenständen ist bis zum 24. Monat stark ausgeprägt.

Kleine Tierchen, zum Beispiel Käfer, werden nicht nur beobachtet, sondern auch mit ihnen gespielt und experimentiert. Die Verwunderung ist meist groß, wenn der Käfer dabei verletzt wird und sich nicht mehr bewegt. Durch das Reflektieren solcher Erfahrungen und mit fortschreitenden kognitiven Fähigkeiten, wird die Sichtweise von belebt und unbelebt angepasst.

Bezeichnend für diese Phase ist auch das Fremdeln. Das Kind geht erst einmal davon aus, seine Mutter komplett für sich zu haben und dass sie allgegenwärtig ist. Umso selbstständiger das Kind wird, um so mehr wird es von seinen Erwartungen enttäuscht und kann mit Wut und Trauer reagieren.

Bis zum vierten Lebensjahr

Zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr verfügen Kinder noch nicht über die Möglichkeit zwischen ihren eigenen Vorstellungen und der Realität zu unterscheiden. Sie nehmen an, dass unbelebte Objekte lebendig sind und schreiben ihnen menschliche Eigenschaften zu. Jean Piaget nennt dies Animismus. Verstärkt wird diese Sichtweise durch Kinderfilme und Bücher in denen Tiere und Gegenstände lebhaft dargestellt werden. Im Laufe der Zeit verändert sich diese Sichtweise und das Kind lernt zwischen Vorstellung und Realität zu unterscheiden. 

 Bis zum sechsten Lebensjahr

Vorschulkinder haben noch eine sehr begrenzte Vorstellung vom Tod, die oft mit Trauer, Dunkelheit und Trennung in Verbindung gebracht werden. Auch der Schlaf, im Volksmund der kleine Bruder des Todes genannt, verunsichert viele Kinder, da die schlafende Person zeitweise regungslos scheint. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass sich bewegende Objekte immer noch mit Leben assoziiert werden. Kinder können in diesem Alter nur schwer erfassen, dass aus einem Menschen irgendwann eine bewegungslose Leiche wird. Der Tod ist noch temporär. Erst im späteren Entwicklungsverlauf lernen Kinder, dass es zwischen bewegt und unbewegt einen Übergang gibt. Sie bemerken, dass sich Oma vor fünf Jahren noch selbstständig bewegen konnte und jetzt nicht mehr aus dem Bett steigen kann. Durch solche Erfahrungen, die oftmals in Rollenspielen verarbeitet werden, passen Kinder ihre Vorstellung vom Tod an.

Bis zum achten Lebensjahr

Mit zunehmenden Alter erkennen Kinder, dass der Tod nicht nur vorübergehend ist, sondern endgültig. Sie erhalten auch eine Vorstellung darüber, dass sich der Körper nach dem Tod verändert und verwest. Die negativen Gefühle, die beim Thema Tod empfunden werden, verstärken sich und werden intensiver erlebt. Zwischen dem sechsten und dem achten Lebensjahr kommen viele Kinder in eine Phase, in der sie (auch unbegründet) Angst haben, dass Mama oder Papa versterben. Auch hier ist eine sichere Bindung und Urvertrauen extrem wichtig, um dem Kind die Angst zu nehmen. Im Alter von circa sieben Jahren, wird das Todesempfinden stark von den Erzählungen der Erwachsenen geprägt. Die Kinder übernehmen oftmals die Sichtweisen, die sie von nahen Bezugspersonen erleben. Im Schulalter stellt sich den Kindern auch oft die Frage, was nach dem Tod passiert. Antworten auf diese Frage finden Kinder oft in ihrem Glauben oder durch die persönliche Einstellung der Erwachsenen.

Ein lebenslanger Prozess

Auch nach dem achten Lebensjahr verändert sich das Erleben vom Tod, Trennung und Verlust. Selbst im Jugend- und Erwachsenenalter wird das Empfinden immer wieder angepasst und kann sich durch verschiedene Erfahrungen grundlegend ändern.

Wie der Tod erlebt wird, ist ein lebenslanger Prozess.

 

Bildquelle Titelbild: RimDream|Shutterstock.com

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